Arbeitskreis Prostitution, Modul 2
Akteure und Strukturen in Österreich: Wer profitiert, wer trägt das Risiko, wo liegen die Hebel?
Das zweite Modul des Arbeitskreises Prostitution fand am 23. April 2026 im Utopia der Arbeiterkammer Wien statt.
Zum Einstieg fasste Susanne Riegler wesentliche Inhalte von Modul 1 – Prostitutionsregime, Entstehung des Nordischen Modells, österreichische Gesetzeslage – zusammen. Diesmal standen die betroffenen Frauen, die Profiteure, Mitverdiener, Umwegrentabilitäten und Lobbystrukturen im Mittelpunkt.
Wer sind die Frauen in der Prostitution?
Laut Polizei waren 2024 in Wien 2.743 „Sexdienstleisterinnen“ registriert, österreichweit rund 5.000. Schätzungsweise 90 bis 95 Prozent der registrierten Frauen in der Prostitution sind Migrantinnen, vor allem aus Rumänien, Ungarn, der Slowakei, Bulgarien, China, Nigeria und Lateinamerika.
Die Registrierung ist an regelmäßige Gesundheitsuntersuchungen gebunden: alle sechs Wochen auf Geschlechtskrankheiten, alle zwölf Wochen auf HIV, jährlich auf Tuberkulose. Nur so erhalten die Frauen die sogenannte „grüne Karte“.
Zum Dunkelfeld gibt es in Österreich keine belastbaren Studien, nur grobe Schätzungen. Diese reichen von 6.000 bis 10.000 Frauen und Mädchen in illegaler Prostitution. Fehlende Daten erschweren eine seriöse Bewertung des Marktes und politische Interventionen.

Wer verdient am System?
Es gibt keine österreichweite statistische Erfassung von Prostitutionseinrichtungen. Noch weniger bekannt sind Eigentümerstrukturen, weil im Firmenbuch häufig Anwälte oder Strohleute auftreten. Für Wien existiert eine öffentlich zugängliche Liste von rund 280 Bordellen und Laufhäusern auf der Website der Beratungsstelle Sophie.
Großbordelle, Saunaclubs und Spas werden oft über Gastrogruppen, Immobiliengesellschaften und eigene Betreibergesellschaften organisiert. Daneben existieren kleinere Studios, teils geführt von ehemaligen Prostituierten oder Pensionisten. Zunehmend wichtig werden digitale Plattformen, Anzeigenportale, Vermittlungsseiten und Freierforen, besonders für Escort, Wohnungsprostitution und halblegale Angebote.
Neben direkten Profiteuren wie Betreibern, Plattformen, Liegenschaftsbesitzern und Immobilienfirmen verdienen auch zahlreiche Dienstleister indirekt mit: Putzfirmen, Wäschereien, Security-Firmen, medizinische Untersuchungsstellen, Essenszusteller, Taxiunternehmen, Videofirmen oder Vermieter von Stretch-Limousinen.
Die Lobby und der Begriff „Sexarbeit“
Seit den 1970er Jahren ist die Sexindustrie im Aufbau von Lobbygruppen aktiv. In den 1980er Jahren erhielten solche Gruppen durch die AIDS-Krise und Safer-Sex-Kampagnen zusätzlichen politischen Einfluss und öffentliche Mittel. In dieser Phase wurde auch der Begriff „Sexarbeit“ etabliert.
Diskutiert wurden internationale und deutschsprachige Lobbystrukturen wie COYOTE, Hydra, Dona Carmen, der Berufsverband sexuelle Dienstleistungen, die Berufsvertretung Sexarbeit Österreich sowie TAMPEP. Diese Organisationen beanspruchen häufig, für „Sexworker“ insgesamt zu sprechen, obwohl sie oft nur kleine, aktivistische oder akademisch geprägte Milieus repräsentieren und ihre tatsächliche gesellschaftliche Verankerung kaum überprüfbar ist.
Der Arbeitskreis bewertete den Begriff „Sexarbeit“ kritisch, weil er Prostitution als normalen Job rahmt und Machtverhältnisse, Gewalt, Armut und männliche Nachfrage ausblendet. Auch der Begriff „Entstigmatisierung“ wurde diskutiert: Das Stigma trifft vor allem die Frauen. Seine Ursache liegt aber nicht nur in Sprache, sondern in einer patriarchalen und ökonomisch ungleichen Struktur, in der Männer Zugriff auf Frauenkörper kaufen.
Was kostet Prostitution?
Prostitution erzeugt nicht nur private Gewinne, sondern auch öffentliche Folgekosten: Gesundheitsfolgen, Traumatisierung, Gewalt, Polizeiarbeit, Sozialarbeit, Beratungsaufwand, Ausstiegshilfen, Unterbringung, Verfahren wegen Menschenhandel und langfristige Stabilisierung. Diese Kostenperspektive soll im Arbeitskreis weiter vertieft werden.
Hebel zur Veränderung
Aus der Diskussion ergaben sich mehrere strategische Schritte: – ein Perspektivwechsel weg vom Fokus auf die Frauen, hin zu Sexkauf und Profiteuren; – die klare Einordnung von Prostitution als Männergewalt gegen Frauen; – eine stärkere Benennung gesundheitlicher Folgen; – eine Kommunikationsstrategie gegen das Framing „Sexarbeit versus Verbot“.
Gefordert wurden ein Dossier zu einem möglichen Sexkaufverbot in Österreich, inklusive Übergangsleistungen, psychosozialer Stabilisierung, Qualifizierung, Deutschkursen, Peer-Beratung durch Aussteigerinnen, rechtlicher Beratung und migrationsrechtlich tragfähiger Lösungen.
WebberEbenso braucht es ein Dossier zu Betreiber- und Profiteursstrukturen, Betriebsformen, Eigentümermodellen, digitalen Plattformen, Mietzinsen und Mietverhältnissen.
Politische Allianzen sollen mit Gewaltschutzzentren, Frauenberatungsstellen, Frauenhäusern, Sozialarbeit, Polizei, Gesundheitsbereich, feministischen Organisationen, Aussteigerinnen, migrationspolitischen Expertinnen sowie kritischen Stimmen aus Verwaltung und Forschung geprüft werden.
Ausblick auf Modul 3
Modul 3 soll die politische Lücke „Prostitution ist Gewalt“ bearbeiten: konkrete Auswirkungen auf betroffene Frauen, gesellschaftliche Folgen, kriminelle Dimensionen, organisierte Kriminalität und mögliche Anschlüsse an bestehende Gewaltschutzgesetze. Eine Gewaltschutzexpertin aus der Praxis wird dazu Input geben; darauf aufbauend sammelt die Gruppe Strategieideen.
Hinweise
Das europäische Projekt INDOORS, eine Partnerschaft von neun europäischen Organisationen, hat zum Ziel, alle “Sexarbeiterinnen” zu unterstützen und zu empowern.
- ZDF-Sendung: „Die Prostitutionsanstalt“ vom 28. April 2026
- Diskussion zur Sendung in der Evangelischen Akademie Frankfurt Diskussion vom 6. Mai 2026 zur aktuellen Sendung (YouTube)
mit Dr. Nathalie Eleyth (Universität Zürich) und Kerstin Neuhaus (Bundesverband Nordisches Modell e.V.), moderiert von Matthias Blöser (Zentrum Bildung und Gesellschaft der EKHN).
Foto: KI-generiert
Bericht: Marlies Ettl
