ARBEITSKREIS PROSTITUTION, Modul 3

Gewalt sichtbar machen

Gesundheit, gesellschaftliche Kosten und politische Strategien im Fokus

Mit dem dritten Modul des Arbeitskreises Prostitution setzte Terre des Femmes Österreich einen neuen Schwerpunkt: Nach den ersten beiden Modulen zu Prostitutionspolitiken, Menschenhandel und dem Nordischen Modell rückten diesmal die Folgen des Prostitutionssystems in den Mittelpunkt.
Unter der Leitung von Susanne Riegler diskutierten die Teilnehmerinnen gemeinsam mit den Gastreferentinnen Anneliese Erdemgil-Brandstätter und Irmgard Zirkler eine zentrale Frage:
Warum gelingt es trotz dokumentierter Gewalt, schwerer gesundheitlicher Schäden und massiver Menschenrechtsverletzungen bislang nicht, ausreichend politischen Handlungsdruck zu erzeugen?

Von der Analyse zur Strategie

Bereits zu Beginn machte Susanne Riegler deutlich, worum es im Arbeitskreis geht: Wissen aufbauen, politische Bündnisse schmieden und konkrete Schritte für eine menschenrechtsorientierte Prostitutionspolitik entwickeln.

Die langfristigen Ziele sind klar:

  • Gewalt in der Prostitution sichtbar machen
  • gesellschaftliche Narrative verändern
  • die Nachfrage nach Prostitution reduzieren
  • das Nordische Modell stärken
  • politische und gesellschaftliche Bündnisse aufbauen

Ein möglicher Arbeitstitel für die weitere Arbeit lautete daher folgerichtig:
„Gewalt sichtbar machen.“

Wenn der Körper die Rechnung bezahlt

Ein Schwerpunkt des Abends lag auf den gesundheitlichen Folgen der Prostitution.

Auf Grundlage der Arbeiten der deutschen Frauenärztin Liane Bissinger wurde deutlich, welche körperlichen Schäden viele Frauen erleiden: Verletzungen durch Gewalt, chronische Schmerzen, gynäkologische Erkrankungen, Infektionen, Schlafstörungen sowie Alkohol-, Medikamenten- und Drogenabhängigkeit.

Ebenso gravierend sind die psychischen Folgen. Traumafolgestörungen, Depressionen, Angstzustände, Dissoziation und Suchterkrankungen gehören zu den häufig dokumentierten Belastungen. Die Abspaltung vom eigenen Körper wurde als typische Überlebensstrategie beschrieben.

Besonders diskutiert wurde auch die Situation jener Frauen, die aussteigen wollen oder aufgrund von Alter, Krankheit oder Traumafolgen nicht mehr im Prostitutionssystem verbleiben können. Armut, Isolation und fehlende Perspektiven prägen oft den weiteren Lebensweg.

Prostitution betrifft nicht nur die Betroffenen

Das Modul beschränkte sich nicht auf individuelle Schicksale. Im Mittelpunkt stand auch die Frage, welche Auswirkungen das Prostitutionssystem auf die Gesellschaft insgesamt hat.

Diskutiert wurden die zunehmende Sexualisierung und Pornografisierung des Alltags, die Normalisierung sexueller Verfügbarkeit von Frauen sowie die Rolle digitaler Plattformen wie OnlyFans.

Mehrere Beiträge betonten, dass Prostitution nicht isoliert betrachtet werden kann. Sie beeinflusst Vorstellungen von Sexualität, Geschlechterrollen und Machtverhältnissen und steht damit in einem Spannungsverhältnis zu Gleichstellungszielen.
Auch kommunale Folgen wurden angesprochen: Belastungen von Wohngebieten, Veränderungen im öffentlichen Raum und Auswirkungen auf Stadtentwicklung und Lebensqualität.

Menschenhandel braucht Nachfrage

Ein weiterer Schwerpunkt galt den Verbindungen zwischen Prostitution, Menschenhandel und organisierter Kriminalität.
Ausgehend von den Recherchen der mexikanischen Journalistin Lydia Cacho wurde deutlich, wie eng internationale Menschenhandelsnetzwerke, Korruption und sexuelle Ausbeutung miteinander verflochten sind.

Die Diskussion führte zu einer klaren Schlussfolgerung:

Menschenhandel entsteht nicht unabhängig von Prostitution – er wird wesentlich durch die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen angetrieben.

Wer bezahlt die Rechnung?

Besonders eindrücklich war die Auseinandersetzung mit der französischen ProstCost-Studie.
Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Prostitution die französische Gesellschaft jährlich rund 1,6 Milliarden Euro kostet. Berücksichtigt werden Gesundheitskosten, Polizeiarbeit, Justiz, soziale Unterstützungsleistungen, Gewaltfolgekosten sowie entgangene Steuern und Abgaben.

Die zentrale Erkenntnis:

Die Gewinne werden privatisiert – die Kosten werden vergesellschaftet.

Damit verschiebt sich der Blick von den Einnahmen der Prostitutionsindustrie auf die Folgen, die letztlich die Allgemeinheit trägt.

Gewalt sichtbar machen

Gewaltschutzexpertin Anneliese Erdemgil-Brandstätter brachte ihre jahrzehntelange Erfahrung aus dem Gewaltschutz ein und stellte eine unbequeme Frage:

Warum wird Gewalt in der Prostitution gesellschaftlich anders bewertet als andere Formen von Gewalt gegen Frauen?

Während heute weitgehend Konsens darüber besteht, dass häusliche Gewalt staatliches Eingreifen erfordert, bleibt Gewalt in der Prostitution häufig unsichtbar.

Angst, Scham, ökonomische Abhängigkeit und ein großes Dunkelfeld verhindern oft, dass Gewalt überhaupt sichtbar wird.

Als wichtiger Bündnispartner wurde deshalb der Gesundheitsbereich identifiziert. Ärztinnen, Pflegekräfte, Therapeutinnen und Krankenhäuser könnten wesentlich dazu beitragen, die gesundheitlichen und psychischen Folgen stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Schutz statt Stigma

Den Abschluss bildete ein strategischer Ausblick von Irmgard Zirkler.

Ihr Ausgangspunkt:

Gewalt gegen Frauen ist heute ein gesellschaftliches Thema. Prostitution als Gewaltform jedoch bleibt weitgehend ausgeblendet.

Zirkler plädierte für einen Perspektivenwechsel:

Weg von der Fokussierung auf die Frauen – hin zu Nachfrage, Sexkauf und den Profiteuren des Systems.

Dazu wurden drei strategische Ansatzpunkte entwickelt:

  • Sprache verändern und Gewaltverhältnisse sichtbar benennen
  • die politische Leerstelle im Nationalen Aktionsplan gegen Gewalt an Frauen schließen
  • öffentlichen und politischen Druck aufbauen

Vorgeschlagen wurden Social-Media-Kampagnen, Medienarbeit, Bündnisse mit Gewaltschutzeinrichtungen sowie gezieltes Lobbying bei politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern.

Der Übergang zur politischen Praxis

Modul 3 markierte einen Wendepunkt in der Arbeit des Arbeitskreises.

Stand bislang vor allem das Verstehen des Prostitutionssystems im Vordergrund, geht es nun verstärkt um die Frage, wie gesellschaftliche und politische Veränderung erreicht werden kann.

Die zentrale Botschaft des Abends lautete:

Die Debatte sollte sich weniger darum drehen, ob Prostitution Arbeit ist, sondern stärker darum, welche Gewalt-, Gesundheits- und Menschenrechtsfolgen sie hervorbringt.

Der Arbeitskreis folgt damit einer klaren Entwicklung:

Verstehen. Sichtbar machen. Politisch handeln.

Ausblick auf Modul 4

Im Abschlussmodul wird der Fokus auf konkrete politische und kommunikative Strategien gelegt.

Gemeinsam sollen Prioritäten definiert und ein Arbeitsprogramm für die weitere Arbeit von Terre des Femmes Österreich entwickelt werden – von parlamentarischem Lobbying über Kooperationen mit Gewaltschutzeinrichtungen und Polizei bis hin zu Social-Media-Kampagnen, Medienarbeit und langfristigen Kommunikationsstrategien.

Der nächste Schritt ist damit klar:

Von der Analyse zur Umsetzung.

Literatur- und Medienempfehlungen

Wer sich vertiefend mit den Themen Prostitution, Menschenhandel, Gewalt und Ausbeutung auseinandersetzen möchte, dem seien folgende Publikationen und Dokumentationen empfohlen:

Literatur

Lydia Cacho
Sklaverei. Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel.
Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011.

Die mexikanische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin beschreibt die globalen Verbindungen zwischen Menschenhandel, organisierter Kriminalität, Korruption und sexueller Ausbeutung.

Sheila Jeffreys
The Industrial Vagina. The Political Economy of the Global Sex Trade.
Routledge, London/New York 2009.

Eine grundlegende feministische Analyse der globalen Prostitutionsindustrie und ihrer politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Auswirkungen.

Liane Bissinger
Körperliche Schäden der Prostitution.
Die langjährige Frauenärztin dokumentiert die körperlichen und psychischen Folgen der Prostitution und liefert wichtige medizinische Erkenntnisse für die gesellschaftliche Debatte.

Filme und Dokumentationen

„Mit Haut und Haaren“ vom Freier vernutzt – Körperliche und psychische Schäden in der Prostitution (LINK)
mit Liane Bissinger
Die Dokumentation beleuchtet die gesundheitlichen Folgen der Prostitution und lässt Betroffene sowie Fachleute zu Wort kommen.
YouTube-Dokumentation ca. 1:15 Stunden

Verbrechen! True Crime mit Sarah Tacke (LINK)
Deutschland – das Puff Europas
Eine eindringliche Reportage über Menschenhandel, Loverboy-Methoden und die Schattenseiten des deutschen Prostitutionssystems.
ZDF-Dokumentation ca. 45 Min

Weiterführende Dokumente

UN-Sonderberichterstatterin zu Gewalt gegen Frauen und Mädchen
Bericht über Prostitution und Gewalt gegen Frauen und Mädchen (2024) LINK
Der Bericht analysiert Prostitution als Form geschlechtsspezifischer Gewalt und beschreibt deren Auswirkungen auf Menschenrechte, Gesundheit und Gleichstellung.

Bericht und Fotos von Marlies Ettl