ARBEITSKREIS PROSTITUTION, Modul 4

Vom Befund zur Strategie

Nach vier intensiven Arbeitsmodulen stand im Arbeitskreis Prostitution von Terre des Femmes Österreich eine zentrale Frage im Mittelpunkt:

Wie schaffen wir politischen und gesellschaftlichen Druck für eine Neuausrichtung der Prostitutionspolitik in Österreich?

In den vergangenen Monaten beschäftigte sich der Arbeitskreis mit den Strukturen des Prostitutionssystems, den beteiligten Akteuren sowie den Gewalt- und Gesundheitsfolgen der Prostitution. Im vierten Modul ging es nun um die Frage, wie aus Wissen politische Handlungskraft werden kann.

Von Schweden lernen

Susanne Riegler berichtete von aktuellen Gesprächen mit der schwedischen NGO Talita, die Frauen beim Ausstieg aus der Prostitution unterstützt.

Talita beobachtet derzeit negative Auswirkungen der verschärften schwedischen Migrationspolitik: Das Vertrauen betroffener Frauen in staatliche Stellen sinkt, Kontakte zu Hilfseinrichtungen werden seltener und auch Zuweisungen durch die Polizei gehen zurück.

Für die Teilnehmerinnen war dabei ein Punkt besonders wichtig: Diese Entwicklungen werden von Talita nicht als Scheitern des Nordischen Modells verstanden. Sie zeigen vielmehr, wie politische Rahmenbedingungen die praktische Umsetzung von Schutz- und Unterstützungsangeboten beeinflussen können.

Sprache schafft Wirklichkeit

Ein weiterer Diskussionspunkt war die Rolle von Sprache in der politischen Auseinandersetzung.

Ausgangspunkt war die Herkunft des Begriffs „Freier“, der ursprünglich einen Werber oder Liebhaber bezeichnete. Die Teilnehmerinnen waren sich einig, dass dieser Begriff die Realität des Kaufaktes verschleiert. Wer sexuelle Handlungen gegen Bezahlung in Anspruch nimmt, ist ein Sexkäufer.

Sprache prägt Wahrnehmung. Sie entscheidet mit darüber, welche Aspekte sichtbar werden und welche im Hintergrund bleiben. Deshalb ist die bewusste Benennung von Nachfrage und Kaufhandlung auch eine politische Entscheidung.

Prävention und Vernetzung stärken

Diskutiert wurde auch die Frage, welche Strukturen bereits heute aufgebaut werden können, um Gewalt, Ausbeutung und Menschenhandel wirksamer zu bekämpfen.

Als Beispiel diente die Initiative
Wiesbaden gewaltfrei (LINK)⁠, die unterschiedliche Gewaltschutz- und Präventionsangebote miteinander vernetzt.

Besonders interessant erschien den Teilnehmerinnen der systematische Aufbau von Kooperationen zwischen Polizei, Sozialarbeit, Gewaltschutzeinrichtungen und Ausstiegshilfen. Solche Modelle zeigen, dass Prävention und Unterstützung nicht erst nach einer Gesetzesänderung beginnen müssen.

Der Arbeitskreis wird prüfen, welche Ansätze sich auf österreichische Verhältnisse übertragen lassen. Menschenrechte als politischer Auftrag Die Diskussion machte deutlich, dass Österreich bereits heute an zentrale internationale Verpflichtungen gebunden ist.

Die Istanbul-Konvention (deutscher Vertragstext) (LINK)⁠ verpflichtet die Vertragsstaaten, Gewalt gegen Frauen zu verhindern, Betroffene zu schützen und die strukturellen Ursachen geschlechtsspezifischer Gewalt zu bekämpfen.

Die CEDAW-General Recommendation No. 38 (2020) (LINK)⁠ fordert Maßnahmen gegen Frauenhandel und sexuelle Ausbeutung und verweist ausdrücklich auf die Verantwortung der Staaten, die Nachfrage nach Ausbeutung zu reduzieren.

Das Palermo-Protokoll (deutsche Fassung) (LINK)⁠ (LINK) definiert Menschenhandel völkerrechtlich und verpflichtet die Vertragsstaaten zu Prävention, Strafverfolgung und Opferschutz.

Die Expertengruppe GRETA des Europarats (LINK)⁠ überprüft regelmäßig die Umsetzung dieser Verpflichtungen. Aus Sicht des Arbeitskreises ergibt sich daraus ein klarer Auftrag: Gewalt gegen Frauen, Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung dürfen nicht isoliert betrachtet werden. Sie müssen als zusammenhängende menschenrechtliche und gleichstellungspolitische Herausforderungen verstanden werden.

Menschenhandel sichtbar machen

Anhand der ARTE-Reportage „Re: Nach Europa gelockt, zur Prostitution gezwungen“ (LINK)⁠ diskutierten die Teilnehmerinnen die Mechanismen internationaler Menschenhandelsnetzwerke sowie die Schwierigkeiten bei deren Bekämpfung.

Im Zentrum standen Fragen nach den Möglichkeiten österreichischer Behörden, der internationalen Zusammenarbeit, der Rolle digitaler Plattformen und der Situation von Betroffenen in Österreich.

Ein gemeinsames Verständnis

Einen breiten Raum nahm die Diskussion über das Selbstverständnis des Arbeitskreises ein.

Konsens bestand darin, dass der AK Prostitution ein politisches Projekt zur Förderung des Nordischen Modells und zur Überwindung des Prostitutionssystems in Österreich sein will.

Unterschiedliche theoretische Zugänge wurden dabei als Bereicherung verstanden. Gemeinsamer Ausgangspunkt bleibt die Überzeugung, dass individuelle Entscheidungen niemals losgelöst von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen betrachtet werden können.

Armut, Abhängigkeit, Gewalt und fehlende Alternativen begrenzen reale Handlungsspielräume. Wer über Selbstbestimmung spricht, muss deshalb auch die Machtverhältnisse in den Blick nehmen, unter denen Entscheidungen getroffen werden.

Gemeinsam mehr erreichen

Der Arbeitskreis versteht sich nicht als Konkurrenz zu bestehenden Initiativen. Im Gegenteil: Ziel ist es, vorhandene Expertise sichtbar zu machen, Kräfte zu bündeln und Kooperationen zu stärken.

Besonders hervorgehoben wurde die langjährige Arbeit der Initiative Stopp Sexkauf, die als österreichweite Plattform zahlreiche Organisationen, Fachpersonen und Aktivistinnen zusammenführt und über einen einzigartigen Erfahrungsschatz verfügt.

Der Arbeitskreis sieht seine Aufgabe darin, dieses Wissen für politische Strategieentwicklung, Öffentlichkeitsarbeit und Vernetzung nutzbar zu machen.

Der Blick nach vorne

Für die kommenden Monate wurden mehrere Schwerpunkte definiert: der Ausbau einer fundierten Wissensbasis, die Verbesserung der Datenlage in Österreich, die Entwicklung wissenschaftlich fundierter Factsheets, verstärkte Lobbyarbeit bei politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern sowie die Verankerung des Themas Prostitution im Nationalen Aktionsplan gegen Gewalt an Frauen.

Ebenso wichtig bleiben der Ausbau von Kooperationen mit Gewaltschutzeinrichtungen, Wissenschaft, Medizin, Public Health, Polizei und internationalen Partnerorganisationen sowie eine stärkere öffentliche Sichtbarkeit des Themas.

Nach vier Modulen ist deutlich geworden: Das Wissen über Gewalt, Ausbeutung und gesundheitliche Folgen der Prostitution ist vorhanden. Die Herausforderung besteht nicht länger darin, die Realität sichtbar zu machen, sondern politische Konsequenzen daraus zu ziehen.

Genau daran wird der Arbeitskreis weiterarbeiten.

Marlies Ettl, Wien am 30.06.2026

Fotocredits: Fotos und Flyer Marlies Ettl