ARBEITSKREIS PROSTITUTION

Österreich im Realitätscheck
Am 26. März 2026 hat Terre des Femmes Österreich (TDFÖ) in der AK Wien den Arbeitskreis Prostitution gestartet. Die Sitzung wurde von der Vorsitzenden Viktoria Kriehebauer eröffnet. Die Leitung liegt bei Susanne Riegler, stellvertretende Vorsitzende von TDFÖ und Initiatorin der Initiative „Stopp Sexkauf“.
Der Arbeitskreis ist als politisches Instrument angelegt. Ziel ist die Erarbeitung methodischer Ansätze zur Umsetzung eines Sexkaufverbots im Sinne des Nordischen Modells in Österreich. Dazu werden Argumente systematisch geschärft, zentrale Leerstelle im bestehenden System – insbesondere männliche Gewalt und gesundheitliche Folgen – herausgearbeitet und ökonomische Profiteure in den Fokus genommen. Gleichzeitig geht es um konkrete politische Anschlussfähigkeit: Aufbau tragfähiger Schnittstellen zu Polizei und medizinischer Praxis, insbesondere Gynäkologie, sowie die Entwicklung von Kampagnen, die das Thema aus der Nische holen. Bereits im ersten Treffen wurde deutlich: Hier arbeitet ein Kreis mit hoher fachlicher Dichte, klarer Analyse und starkem Durchsetzungswillen.
Ein reguliertes System ohne Schutzlogik
Im Zentrum des ersten Moduls stand die Analyse der österreichischen Rechtslage. Österreich gilt formal als reguliertes Prostitutionssystem. In der Praxis zeigt sich jedoch ein strukturell inkohärentes Gefüge.
Neun unterschiedliche Landesregelungen – teils eigene Prostitutionsgesetze, teils Einbettung in Polizei- und Sicherheitsgesetze – treffen auf punktuelle bundesrechtliche Bestimmungen. Die Begrifflichkeiten reichen von „Sexualdienstleistung“ bis zu „gewerbsmäßiger Unzucht“. Diese Zersplitterung ist politisch nicht neutral: Sie produziert Intransparenz, erschwert den Vollzug und verhindert eine konsistente Strategie.
Inhaltlich folgt das System einer klaren Logik. Reguliert und kontrolliert werden die Frauen: Registrierung, Gesundheitskontrollen, administrative Auflagen und Sanktionen greifen auf ihrer Seite. Die Nachfrage bleibt weitgehend unbeachtet. Sexkäufer sind kein zentraler Regelungsgegenstand.
Damit wird ein strukturelles Machtverhältnis nicht korrigiert, sondern stabilisiert.
Begriff und Realität: Prostitution oder „Sexarbeit“?
Die Diskussion um Begrifflichkeiten ist politisch aufgeladen. Während sich der Begriff „Sexarbeit“ seit den 1990er Jahren etabliert hat und heute vielfach als neutral gilt, verweist die Analyse im Arbeitskreis auf seine begrenzte Erklärungskraft.
Der Begriff „Prostitution“ beschreibt nicht nur eine Tätigkeit, sondern ein System: eine Branche mit erheblicher wirtschaftlicher Dimension, verbunden mit Menschenhandel, organisierter Kriminalität und struktureller Ungleichheit. Schätzungen zufolge bewegt sich das Volumen in Österreich in einer Größenordnung von rund 1,5 Milliarden Euro jährlich.
Die Bezeichnung „Sexarbeit“ hingegen suggeriert Normalität und Vergleichbarkeit mit anderen Erwerbsformen. Damit werden zentrale Aspekte ausgeblendet: fehlende Arbeitsrechte, fehlende soziale Absicherung, Gewaltverhältnisse und ökonomische Abhängigkeit. Kritik daran kommt nicht zuletzt von Prostitutionsüberlebenden selbst.
Nordisches Modell: Entstehung und politische Einordnung
Das Nordische Modell wurde 1999 in Schweden als Teil eines umfassenden Gewaltschutzpakets eingeführt. Es entstand aus einer breiten feministischen Allianz, getragen von der autonomen Frauenbewegung, der Frauenhausbewegung, Prostitutionsüberlebenden und sozialdemokratischen Frauen.
Sein Ausgangspunkt ist eine klare Analyse: Prostitution ist Ausdruck von Ungleichheit und männlicher Verfügungsmacht über den Körper von Frauen. Daraus folgt eine politische Konsequenz – die Kriminalisierung der Nachfrage bei gleichzeitiger Entkriminalisierung der Betroffenen sowie der Ausbau von Ausstiegsprogrammen.
In Österreich wird dieses Modell häufig verkürzt als „Verbotsmodell“ dargestellt und diskreditiert. Diese Darstellung greift zu kurz. Tatsächlich ist es ein Instrument staatlicher Gleichstellungs- und Gewaltpolitik.
Deutschland: Bewegung ohne Umsetzung
Ein zusätzlicher Impuls kam durch den Beitrag der Berliner Frauenrechtsaktivistin Gisela Wiederschein. Sie beschrieb das deutsche Prostituiertenschutzgesetz als Beispiel für ein legalistisches System, das seine eigenen Ziele verfehlt hat. Weder Ausbeutung noch Menschenhandel seien dadurch reduziert worden.
Gleichzeitig zeigen sich 2026 politische Verschiebungen. In der Union wird ein Sexkaufverbot offensiver vertreten, prominente Stimmen wie Julia Klöckner positionieren sich klar in Richtung Nordisches Modell. Auch aus der Bundesregierung gibt es Bewegung: Die Gesundheitsministerin spricht sich für eine stärkere Orientierung an diesem Ansatz aus.
Innerhalb der SPD wird die Frage zunehmend kontrovers diskutiert, während auch in Teilen von DIE LINKE erste Unterstützung für eine nachfrageorientierte Regulierung erkennbar ist. Die Debatte ist in Bewegung – politische Umsetzung bleibt jedoch vorerst aus.
Politische Konsequenz
Die zentrale Erkenntnis des ersten Moduls ist eindeutig. Das österreichische Prostitutionsregime ist kein Schutzsystem, sondern ein Verwaltungsrahmen, der bestehende Machtverhältnisse stabilisiert, Gewalt ausblendet und Armut verwaltet.
Solange die Nachfrage nicht in den Fokus rückt, bleibt jede Reform oberflächlich. Eine wirksame Prostitutionspolitik muss dort ansetzen, wo das System entsteht – bei der Nachfrage und ihren ökonomischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen.
Text/Foto: Marlies Ettl/Susanne Riegler
Fotos: Ettl/Körbler
5.4.2026



