Bien fait, la France. Warum nicht bei uns?
Zehn Jahre Nordisches Modell: Was Frankreich über Prostitution, Gleichstellung und die Verantwortung der Sexkäufer weiß

Eine Gesellschaft kann nicht ernsthaft von Gleichstellung sprechen und gleichzeitig hinnehmen, dass Männer sich mit Geld Zugriff auf weibliche Körper verschaffen. Frankreich hat daraus 2016 eine politische Konsequenz gezogen: Das Gesetz Nr. 2016-444 entkriminalisierte prostituierte Menschen, verbot den Sexkauf und schuf Ausstiegshilfen, Prävention sowie schärfere Instrumente gegen Zuhälterei und Menschenhandel.

Fast zehn Jahre später zeigt eine repräsentative IPSOS-bva-Umfrage im Auftrag der Fondation Scelles (Oktober 2025, 1.150 Befragte, mit Zusatzerhebung bei 18- bis 30-Jährigen), wie tief dieser Perspektivwechsel in der französischen Bevölkerung verankert ist.

Eine klare Mehrheit sieht Prostitution als Gewalt

76 Prozent der Französinnen und Franzosen benennen Prostitution als Gewalt. 68 Prozent erkennen sie als Hindernis für die Gleichstellung der Geschlechter, 83 Prozent sehen gravierende Folgen für Gesundheit und Wohlbefinden der Betroffenen. Angesichts der Prostitution Minderjähriger und der wachsenden Rolle sozialer Netzwerke halten 86 Prozent politisches Handeln für dringend.

Das Urteil über das Gesetz selbst fällt eindeutig aus: 92 Prozent halten es für richtig, 55 Prozent sogar für sehr richtig. Die Umfrage belegt nicht automatisch, dass das Gesetz allein Prostitution reduziert hat. Sie belegt aber unmissverständlich: Seine Grundprinzipien finden heute eine außerordentlich breite gesellschaftliche Zustimmung.

IPSOS: Prostitution – que pensent vraiment les Français en 2025? (PDF)

93 Prozent nehmen die Sexkäufer in die Verantwortung

Das ist der politisch entscheidende Befund der Studie: 93 Prozent der Befragten sehen die Sexkäufer vollständig oder anteilig verantwortlich für das Prostitutionssystem.

Damit kippt eine jahrzehntealte Logik. Prostitutionspolitik hat sich traditionell fast ausschließlich mit den Frauen befasst – Registrierung, Gesundheitskontrollen, Papiere, Regelkonformität. Wer den Markt finanziert und warum Geld gesellschaftlich als Zugangsberechtigung zu sexueller Verfügbarkeit gilt, blieb außen vor. Das Nordische Modell dreht diese Frage um. Für Terre des Femmes Österreich berührt diese Frage den Kern jeder ernstgemeinten Gleichstellungspolitik.

Was die Bevölkerung fordert: Ausstieg, Prävention, Konsequenzen

96 Prozent wollen mehr Unterstützung für Ausstiegswillige. 95 Prozent fordern mehr Prävention und Sensibilisierung. 75 Prozent sprechen sich für schärfere Sanktionen gegen Sexkäufer aus.

Diese Zahlen zeigen, dass die Bausteine des Nordischen Modells zusammengehören: Entkriminalisierung der Prostituierten, verlässlich finanzierte Ausstiegsprogramme, Prävention, konsequente Verfolgung von Zuhälterei und Menschenhandel – und die rechtliche Verantwortung der Nachfrage. Auch in Frankreich hakt es bei Finanzierung und Umsetzung; der FACT-S-Bericht 2025 benennt das zu Recht scharf. Ein Sexkaufverbot ohne reale ökonomische Alternativen für Frauen bleibt Stückwerk – diese Kritik gehört zur abolitionistischen Position, nicht gegen sie.
(FACT-S – Zehn Jahre französisches Gesetz gegen das Prostitutionssystem)

Jeder fünfte junge Mann hat schon Sex gekauft

Anbahnung verlagert sich zunehmend auf Plattformen, soziale Medien, Messenger. Bei Minderjährigen verschwimmen Grooming, Loverboy-Methoden, sexuelle Ausbeutung, Pornografie und Prostitution ineinander – mit Konsequenzen für die Prävention, die IPSOS in einem der beunruhigendsten Befunde der gesamten Erhebung offenlegt: der Kluft zwischen jungen Frauen und jungen Männern.

20 Prozent der Männer zwischen 18 und 30 geben an, bereits für Sex bezahlt zu haben – jeder fünfte. Gleichzeitig erkennen nur 56 Prozent der Männer unter 30 Prostitution überhaupt als Gewalt an. Bei der Bewertung des Gesetzes von 2016 klafft die Kluft noch weiter auf: 97 Prozent der Frauen unter 30 beurteilen es positiv, bei gleichaltrigen Männern sind es 41 Prozent.

Diese Zahlen zeigen: Nachfrageprävention gehört damit ins Zentrum von Sexualpädagogik und Gleichstellungspolitik – sie betrifft das Verständnis von Einvernehmlichkeit ebenso wie die Verknüpfung von Sexualität, Geld und Macht. Prävention muss bei Jungen ansetzen, nicht erst bei erwachsenen Käufern.

Und Österreich?

Österreich diskutiert intensiv über Gewalt gegen Frauen, Menschenhandel, sexuelle Ausbeutung und Gleichstellung – und leistet sich dabei einen offenen Widerspruch. Neun unterschiedliche landesrechtliche Systeme regulieren Prostitution, fast ausschließlich mit Blick auf die Frauen: Registrierung, Gesundheitsuntersuchungen, behördliche Kontrollen. Die Nachfrage nach käuflichem Sex gilt dagegen weiterhin als gegeben, nicht als politisch gestaltbar.

Genau hier zeigt Frankreich eindrucksvoll, dass abolitionistische Prostitutionspolitik gesellschaftlich mehrheitsfähig ist – und dass sich Verantwortung politisch neu verteilen lässt. Die Frage “Warum prostituiert sie sich?” darf die Debatte nicht länger dominieren. Die richtigen Fragen lauten: Wer kauft? Wer verdient? Wer trägt die gesundheitlichen, psychischen und sozialen Folgen? Und welches Gleichstellungsverständnis steckt hinter einem Markt, auf dem Männer sich sexuellen Zugriff auf weibliche Körper kaufen?

Bien fait, la France. Warum nicht bei uns?

Terre des Femmes Österreich fordert das Nordische Modell auch für Österreich: Entkriminalisierung prostituierter Menschen, ausreichend finanzierte Ausstiegshilfen, Prävention, konsequente Bekämpfung von Zuhälterei und Menschenhandel – und ein Verbot des Sexkaufs.

Diese Debatte ist innerhalb der österreichischen Frauenpolitik überfällig. Susanne Riegler und Brigitte Hofmann haben bereits 2024 in der sozialdemokratischen Theoriezeitschrift DIE ZUKUNFT den Perspektivwechsel eingefordert und die Schieflage benannt, die bis heute besteht: Der Staat kontrolliert die Frauen; Sexkäufer, Betreiber und andere Profiteure des Systems bleiben weitgehend unbehelligt. Die französischen Zahlen geben dieser Forderung neue Dringlichkeit.

Eine Frauenpolitik, die Gewalt und Gleichstellung ernst nimmt, kommt an der Prostitutionsfrage nicht vorbei.

Brigitte Hofmann / Susanne Riegler: „Warum es für eine neue Frauenpolitik einen Perspektivwechsel in der Prostitutionspolitik braucht”, Die Zukunft, 2024 (im Rahmen der Themenausgabe „Frauenpolitik”, ZUKUNFT 04/2024). Online: diezukunft.at.