DACH-Konferenz gegen FGM/C: Hohe medizinische Expertise – wirksamer Schutz braucht auch politische Konsequenzen
Eindrucksvolle 88 TeilnehmerInnen folgten am 3. Juni 2026 der Einladung der Österreichischen Ärztekammer, der FGM/C-Koordinationsstelle – Kompetenzzentrum Österreich, von FEM Süd und Terre des Femmes Österreich zur ersten DACH-Konferenz gegen weibliche Genitalverstümmelung (FGM/C) in Wien.
Bereits vor Beginn der Konferenz fand unmittelbar neben dem Veranstaltungsraum eine Pressekonferenz mit Integrationsministerin Claudia Bauer statt. In ihrer Videobotschaft würdigte sie die gemeinsame Initiative gegen FGM/C und hob ausdrücklich auch das Engagement von Terre des Femmes Österreich hervor. Dies ist ein wichtiges Signal für die zunehmende politische Aufmerksamkeit, die dem Schutz gefährdeter Mädchen und Frauen in Österreich entgegengebracht wird.
Videobotschaft von Integrationsministerin Claudia Bauer – Video bereitgestellt vom Büro der Ministerin.
Unter dem Titel „Ending FGM/C – What works?“ standen internationale Erfahrungen zu Prävention, Versorgung und Schutz betroffener Mädchen und Frauen im Mittelpunkt. Zielgruppe waren vor allem Gesundheitsberufe, Hebammen, PsychologInnen, weitere Fachkräfte im Gesundheitsbereich und politisch Aktive.
Nach der Eröffnung durch VertreterInnen der Ärztekammer, der FGM/C-Koordinationsstelle, FEM Süd und Terre des Femmes Österreich folgte eine internationale Perspektive mit Beiträgen der WHO sowie der Genfer Gynäkologin und FGM/C-Expertin Prof.in Jasmin Abdulcadir. Besonders eindrucksvoll war ihr Vortrag über die körperlichen Folgen weiblicher Genitalverstümmelung sowie die Möglichkeiten medizinischer Behandlung und Rekonstruktion. Anhand klinischer Fallbeispiele machte sie deutlich, welche langfristigen gesundheitlichen Schäden FGM/C verursachen kann.
Weitere Beiträge beleuchteten die Situation in Österreich, Deutschland und der Schweiz sowie Fragen der Prävention, psychischen Gesundheit, Gesundheitskompetenz und interdisziplinären Versorgung. Deutlich wurde dabei, dass FGM/C eine schwere Menschenrechtsverletzung und eine Form geschlechtsspezifischer Gewalt darstellt, die keinerlei medizinische Rechtfertigung besitzt.
Mehrfach wurde auf Wissensdefizite im Gesundheitswesen hingewiesen. Gerade Berufsgruppen, die mit Kindern, Jugendlichen und Frauen arbeiten, benötigen mehr Wissen über Formen, Folgen und Risikosituationen von FGM/C. Gleichzeitig zeigte die Konferenz, dass die Versorgung betroffener Frauen weit über medizinische Behandlung hinausgehen muss und psychologische Unterstützung, “kultursensible” Beratung sowie die Zusammenarbeit mit betroffenen Communities unverzichtbar sind.
Auffällig war die starke Schwerpunktsetzung auf medizinische und gesundheitsbezogene Aspekte. Dies entsprach zwar dem Konzept der Konferenz, ließ jedoch gesellschaftspolitische Fragen weitgehend im Hintergrund. Aus Sicht von Terre des Femmes Österreich bleibt genau hier eine zentrale Herausforderung bestehen: FGM/C ist nicht nur ein medizinisches Problem. Die Praxis wurzelt in patriarchalen Vorstellungen über weibliche Sexualität, Reinheit, Ehefähigkeit und Geschlechterrollen. Nachhaltige Prävention wird daher nur gelingen, wenn medizinische Versorgung, Bildungsarbeit, Integration, die Einbindung von Männern und Burschen sowie eine klare menschenrechtliche Positionierung von Politik und Gesellschaft zusammenwirken.
Ein wichtiges politisches Signal kam von der Bundesregierung: Erstmals positionieren sich Frauen- und Integrationsministerium (letztere auf parallel anberaumter Pressekonferenz) gemeinsam deutlich gegen FGM/C. Die geplante Dokumentationspflicht im Eltern-Kind-Pass und der Ausbau präventiver Maßnahmen markieren einen wichtigen Fortschritt. Nach Jahren vorwiegend symbolischer Bekenntnisse entstehen damit erstmals Instrumente, die gefährdete Mädchen in Österreich tatsächlich besser schützen können.
Die Konferenz machte deutlich, dass Prävention nur dort wirksam sein kann, wo medizinische Maßnahmen, Kinderschutz und politische Verantwortung zusammenwirken. Die Wiener DACH-Konferenz hat eindrucksvoll gezeigt, wie viel fachliches Wissen und Engagement inzwischen vorhanden sind. Der nächste Schritt wird sein, diese Expertise noch stärker mit frauen-, integrations- und gesellschaftspolitischen Strategien zu verbinden, um Mädchen wirksam vor Genitalverstümmelung zu schützen.
Ein großer Dank geht an unsere Gründungsfrau und Fachbeirätin Beate Wimmer-Puchinger für die Gesamtorganisation dieser erfolgreichen Premiere. Mit ihrem Eröffnungsreferat vertrat sie Terre des Femmes Österreich und trug wesentlich dazu bei, ExpertInnen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz und politische Akteurinnen für diesen wichtigen fachlichen Austausch zusammenzubringen.
Bericht: Marlies Ettl, auf Basis der Notizen unserer Mitfrau und Konferenzteilnehmerin Irina Baumgartner
Fotocredits: Flyer KI – Marlies Ettl, Fotos: Eva Trettler (FEM Süd), ÖAK – Stefan Seelig, Viktoria Kriehebauer
PRESSESPIEGEL – Medienreaktionen (PDF)
PROGRAMM der DACH Konferenz gegen FGM/C (PDF)

- Hilde Wolf (FEM Süd / FGM/C-Koordinationsstelle)
- Umyma El Jelede (FGM/C-Koordinationsstelle)
- Beate Wimmer-Puchinger
- Viktoria Kriehebauer, Vorsitzende von Terre des Femmes Österreich
- Prof. Jasmin Abdulcadir (Genf)
- internationale Expertinnen der WHO
- Fachleute aus Österreich, Deutschland und der Schweiz aus Medizin, Psychologie, Hebammenwesen und Prävention.

- Harald Schlögel – 1. Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer
- Claudia Bauer – Bundesministerin für Europa, Integration und Familie
- Hilde Wolf – Leiterin von FEM Süd und der FGM/C-Koordinationsstelle Österreich
- Umyma El Jelede – Medizinerin, FGM/C-Expertin und Mitglied des Leitungsteams der FGM/C-Koordinationsstelle
- Beate Wimmer-Puchinger – ehemalige Frauengesundheitsbeauftragte der Stadt Wien und langjährige Pionierin der FGM/C-Arbeit in Wien.




