Der NAP im Realitätscheck feministischer Gewaltprävention

Gesamtbericht zur Veranstaltung von Terre des Femmes Österreich

Die Veranstaltung von Terre des Femmes Österreich am 29. Jänner 2026 unterzog den österreichischen Nationalen Aktionsplan gegen Gewalt an Frauen 2025–2029 (NAP) einer feministischen Wirkungsprüfung unter realen Präventionsbedingungen. Ziel war kein Überblick, sondern ein Realitätscheck: Wo schützt dieser Plan tatsächlich – und wo bleibt er politisch, rechtlich und praktisch folgenlos?

Im Fokus standen zwei Gewaltformen, die exemplarisch für diese Frage sind: Gewalt im Namen der Ehre und weibliche Genitalverstümmelung (FGM).

Eingangsreferat:

In ihrem Eingangsreferat analysierte Susanne Riegler die strukturelle Logik des NAP und benannte seine zentrale Leerstelle klar und unmissverständlich: Prostitution als schwerste, strukturell verankerte Form von Gewalt an Frauen fehlt vollständig. Sie wird weder als Gewaltform anerkannt noch in Präventions-, Schutz- oder Ausstiegsstrategien integriert.

Diese Auslassung ist kein Versehen, sondern politisch motiviert. Der NAP umgeht damit einen Bereich, in dem staatliche Regulierung selbst Gewalt reproduziert. Insgesamt zeigte Riegler, dass der NAP Gewalt additiv verwaltet, statt sie als Ausdruck patriarchaler Machtverhältnisse politisch zu bekämpfen.

Der vollständige Vortrag von Susanne Riegler vertieft diese Analyse und ist für das Verständnis der Gesamtbewertung zentral.

Gewalt im Namen der Ehre – Analyse aus der Praxis

Im von Roswitha Tschenett geführten Interview legte Emina Saric offen, was diese Verwaltung von Gewalt in der Praxis bedeutet. Zwar erwähnt der NAP Gewalt im Namen der Ehre, bleibt jedoch vage, deklarativ und folgenlos:

– Es fehlt eine präzise Definition, die kollektive Täterschaft, familiären Druck, transnationale Dimensionen und Eskalationslogiken abbildet.

– Es gibt keine eigenständigen Maßnahmen und keine verpflichtenden Fortbildungen für Polizei, Justiz, Jugendhilfe oder Schulen.

– Zuständigkeiten und Datenbasis fehlen vollständig: keine federführende Stelle, keine Koordination, keine Statistik.

Ehrgewalt verschwindet damit in allgemeinen Gewaltkategorien – mit gravierenden Folgen für Risikoerkennung und Opferschutz. Saric zeigte sich dennoch vorsichtig optimistisch, da der Begriff zumindest benannt ist. Ihre Einschätzung war klar: Benennung ist ein Anfang – ohne rechtliche Präzisierung, verbindliche Standards und Durchsetzung bleibt sie wirkungslos.

Als positives Praxisbeispiel wurde das Präventionsprojekt Heroes – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre (Steiermark) genannt.

FGM: vergleichsweise konkrete Verankerung im NAP

Das Gespräch mit Viktoria Kriehebauer machte deutlich, warum FGM im NAP anders behandelt wird. Hilde Wolf zeigte auf, dass der Aktionsplan hier zumindest eine handlungsleitende Architektur enthält:

– klare Benennung von FGM als schwere Menschenrechtsverletzung,

– Sensibilisierung und Schulung zentraler Berufsgruppen,

– Ausbau spezialisierter Angebote,

– Anknüpfung an bestehende Strukturen und internationale Verpflichtungen.

Das ist unzureichend und lückenhaft, aber konkret. Zuständigkeiten sind benannt, Risikokorridore zumindest näherungsweise erfassbar. Der Staat hat definiert, wo er ansetzen will – auch wenn die Umsetzung bislang zu zaghaft bleibt.

Politische Bewertung: Warum diese Schieflage kein Zufall ist

Die Gegenüberstellung machte eine strukturelle Asymmetrie sichtbar. FGM ist international eindeutig als Gewalt definiert; der politische Preis der Klarheit ist gering. Gewalt im Namen der Ehre hingegen zwingt zur Auseinandersetzung mit familiären Machtregimen, institutioneller Konfliktvermeidung und migrationspolitischen Spannungsfeldern.

Hier bremst „kulturelle Sensibilität“ den Opferschutz. Der NAP entscheidet sich für den bequemeren Weg: Symbolpolitik statt verbindlicher Präventionspolitik.

Moderation und politische Rahmung

Die Moderation durch Marlies Ettl brachte diese Befunde auf den Punkt: Gewaltschutz ist kein Konsensthema. (Alice Schwarzer: “entpolitisierte Gewaltpolitik”)

Ein Aktionsplan, der niemandem wehtut, schützt niemanden. Wo Konflikte gescheut werden, steigt das Risiko für Betroffene.

Atmosphäre und Publikum

Rund 30 Gäste – Frauen und Männer – prägten den Abend durch hohe Aufmerksamkeit, kluge Fragen und pointierte Wortmeldungen. Die Räumlichkeiten des Bildungszentrums der AK Wien boten dafür einen professionellen Rahmen. Besonders erfreulich war der hohe Anteil neuer und junger TeilnehmerInnen, der zeigte, dass feministische Gewaltanalyse weiterhin anschlussfähig ist.

Konsequenzen und nächste Schritte

Aus der Veranstaltung ergeben sich klare Schlussfolgerungen:

– Gewalt im Namen der „Ehre“ muss im NAP als eigenständige Kategorie mit klarer Definition verankert werden.

– Es braucht verpflichtende Datenerhebung, eindeutige Zuständigkeiten und verbindliche Schulungen.

– Präventionsansätze wie Heroes Steiermark sollten nach Wien übertragen und institutionell abgesichert werden.

Terre des Femmes Österreich wird politisch Verantwortliche weiterhin gezielt adressieren und eine starke, konfliktfähige Stimme in der öffentlichen Gewaltdebatte bleiben.

Fotos: Brigitte Körbler / Viktoria Kriehebauer
Bericht der Veranstaltung als PDF